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TCE-Blog

24. August 2016 · Erfahrungsbericht

Gewichtsgrenzen im Kopf einer Normalgewichtigen

Ich litt seit rund zehn Jahren an einer Essstörung, als ich zum zweiten Mal eine Therapie im TCE aufnahm. Die erste hatte ich zwei Jahre vorher auf eigenen Wunsch abgebrochen. Im Lauf der zehn Jahre wechselte mein Symptomverhalten von stark restriktivem Essverhalten und Bewegungsdrang zu unkontrollierten Essanfällen. In den Monaten vor Aufnahme meiner Therapie im TCE hatte ich mehrmals in der Woche, manchmal auch mehrmals täglich, unkontrollierte Essanfälle. Ich blendete meinen Körper in dieser Zeit komplett aus, ich unternahm keine Kompensationsmaßnahmen wie Erbrechen oder erhöhte Bewegung. Ich fühlte mich unwohl, eklig, abstoßend und spürte kein Bedürfnis mein Gewicht zu erfahren und ebenso wenig die Kraft, es zu kontrollieren. Bei Therapieaufnahme lag ich ungefähr im oberen Bereich eines aus medizinischer Perspektive als normal angesehenen Gewichts.

Im TCE gilt es für untergewichtige Patienten, mindestens einen BMI (Body-Mass-Index) von 20 zu erreichen. Es gibt dafür gute Gründe. Und dennoch ist der Weg dorthin für die wenigsten ein Spaziergang. Für mich hätte es das werden sollen. So zumindest hatte ich mir das vorgestellt. Bei Aufnahme meiner Therapie am TCE war ich locker über dem BMI 20, aber nicht im Reinen mit meinem Körper. BMI 20 schien mir die Lösung dieses Problems und ein geradezu wunderbares Ziel. Mit der regelmäßigen ausgewogenen Ernährung und besonders den verschiedenen Portionsgrößen, die die Essstruktur des TCE vorsah, hoffte ich schon bald dort anzukommen. Ich nahm an, dass mit Erreichen dieses Ziels auch die Zufriedenheit mit meinem Körper erreicht würde.
Von Therapiebeginn an gaben mir die regelmäßigen und strukturierten Mahlzeiten Sicherheit, ich fühlte mich immer ausreichend satt, das Gewicht stabilisierte sich und tendierte sogar langsam nach unten. Das machte mir Hoffnung.

Als in der wöchentlichen Ernährungstherapiestunde die Gewichtsverläufe, das Symptomverhalten und das Anpassen der Portionsgrößen besprochen wurden und ich an der Reihe war, bat ich zuversichtlich darum, um eine Portionsgröße heruntergestuft zu werden. Bislang hatte ich nicht offen und offensiv über meine Gewichtsvorstellungen, die als ideal und gesund durch meinen Kopf geisterten, gesprochen: Warum auch sollten für mich andere Regeln gelten als für diejenigen, die vom anderen – unteren –  Ende der Gewichtsskala kamen? Aber: Die Portionsherabstufung ging nicht durch. Das war alles, was zu mir durchdrang. Und als Reaktion liefen mir die Tränen herunter.

Ich fühlte mich schlecht, weil ich nicht konsequent genug beim restriktiven Essverhalten bleiben konnte, sondern Essanfälle als Bewältigungsstrategie bei Problemen und zum Abbau von Spannungen nutzte. Ich fühlte mich als Patientin zweiter Klasse. Ich fühlte mich nicht ernst genommen. Ich hoffte, dass die Solidarität meiner MitpatientInnen die Ernährungstherapeutin zur Vernunft und zum Einlenken bringen würde.
Ich erinnerte mich aber auch an den Vorsatz, mit dem ich die Therapie begonnen hatte: Vertraue den Therapeuten, ihren Entscheidungen und ihrem Handeln, stelle nichts davon in Frage. Denke nicht es besser zu wissen. Sie wissen schon, was sie tun.

Das machte es tatsächlich leichter, die Antwort auszuhalten. Und: Die Solidarität und Unterstützung der MitpatientInnen blieb! Vielleicht konnten nicht alle verstehen, dass ich doch relativ schnell die Entscheidung der Therapeutin akzeptierte und nicht auf eigene Faust einen Weg suchte, eine Gewichtsabnahme herbeizuführen, obwohl mir die Situation am Nachmittag in der Therapierunde doch noch so ausweglos elend erschien. Aber sie akzeptierten meine Entscheidung. Sie nahmen meine Gefühle ernst und hörten mir zu.

Erst etwas später in der Therapie, als ich nämlich begann, mich mithilfe verschiedener Therapiewerkzeuge direkt mit meinem Körper auseinanderzusetzen, verstand ich ganz, dass jener Tag, an dem mir der Hebel zur weiteren Gewichtsabnahme verweigert wurde, der Grundstein dafür war, meinen Körper zu akzeptieren wie er eben ist, herauszufinden, was er braucht, und ihn damit auch noch mögen zu lernen.

Mir kommt es nicht mehr in den Sinn, mit meinem Essverhalten mein Aussehen steuern zu wollen. Ich habe gelernt mich um mein Wohlbefinden zu kümmern, indem ich auf Grundlage der TCE-Essstruktur ohne selbstauferlegte Nahrungsmittelverbote regelmäßig und ausreichend esse, indem ich mir Kleidung aussuche, die meinen Körper schützt und ihn vorteilhaft kleidet, indem ich meinem Körper Ruhe gebe, wenn ich Erschöpfung spüre und frische Luft, wenn nach langem Sitzen alle Energie gewichen ist. Vom BMI 20 habe ich mich verabschiedet. An vielen Tagen fühle ich, auch ohne dass ich diese Stufe/Zahl erreicht hätte, eine Verbundenheit mit meinem Körper, die ich mir wohl auch damals schon gewünscht habe. Irriger Weise nahm ich an, sie sei ausschließlich mit exakt mess- und kontrollierbaren Zahlen auf der Waage verbunden.

Bildnachweis: istockphoto.com/ellobo1

Über den Autor

Lena, 27 Jahre, ehemalige Patientin des TCE