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Für Dein Leben ohne Essstörung.

TCE-Blog

20. April 2016 · Erfahrungsbericht

Mein gesundes Wochenende

Abschlussbilanz nach 24 Wochen Therapie

Meine Zeit im TCE neigt sich dem Ende zu, eine Zeit, die vorbeiging wie im Flug. Zum zweiten Mal in meinem Leben habe ich mich dazu entschlossen, eine Auszeit zu nehmen und mich der Essstörung entgegenzustellen. Ein zweites Mal kämpfen, ein zweites Mal mein Leben verändern und jetzt auch ein zweites Mal Abschied nehmen vom TCE. Was sich in meinem Leben, an meinem Verhalten verändert hat durch die Therapie, wurde mir erst letztes Wochenende richtig klar. Ich nenne es „mein gesundes Wochenende“.

Am Freitag durfte ich wieder zu Besuch nach Hause zu meinem Freund. Wir wollen seinen Geburtstag am Samstag nachfeiern, um 14 Uhr Kaffee und Kuchen mit seiner Familie, abends ab 20 Uhr kommen Freunde. Einiges los, aber es macht mir Spaß, alles vorzubereiten. Angst oder Gedanken daran, ob die anderen mich jetzt dick finden? Nö, weil ich mich grad ganz wohl fühle. Freitagnachmittag backe ich Kuchen. Es macht mir Spaß, einen neuen auszuprobieren, ich freue mich, dass er gelingt, auch weil ich weiß, dass ich davon essen werde. Es beunruhigt mich nicht, denn ich kann es dank der Struktur.

Um 18 Uhr kommt mein Freund nach Hause. Wir machen es uns auf der Couch gemütlich und jeder erzählt von seinem Tag. Dann die Frage: Was zu Abend essen? Kochen? Ne, keine Lust … schon so spät. Pizza bestellen? Alles klar! Es ist zwar eine Angstübung, aber ich habe so Lust drauf, mir mit meinem Freund eine Pizza zu gönnen. Es ist ein erleichterndes Gefühl, die Karte zu lesen und zu wissen: Ich kann nehmen, was ich will. Und es passiert nichts Schlimmes. Nach der Pizza bin ich stolz und irgendwie glücklich, das machen zu können und zu dürfen.

Das Kaffeetrinken mit der Familie am nächsten Tag geht schnell vorbei. Man erzählt hier, man erzählt da … ich kann den Kuchen mitessen ohne schlechtes Gewissen. Kann sogar den Schokokuchen von seiner Schwester probieren. Jedes Jahr gibt es diesen Kuchen in Herzform. Jedes Jahr gibt sie sich so viel Mühe. Und dieses Jahr kann ich ihn endlich mitessen.

Die größte Hürde für mich kommt abends. Viele Leute, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe, die alle von der Therapie wissen. Ich fühle mich bereit. Ich freue mich, sie wiederzusehen. Die Ersten kommen rein: „Franzi, wie geht’s dir? Geht’s dir besser?“ Ganz überrascht war ich von Max1: „Hey Franzi, gut schaust du aus, du strahlst so!“ Ich kann alles gut annehmen, freue mich über die Reaktionen der anderen. An diesem Abend habe ich einige gute Gespräche, womit ich gar nicht gerechnet hätte. Stefanie2 folgt mir in die Küche, spricht mich an, redet lange mit mir, reagiert total verständnisvoll auf unseren Umzug, ja, macht mir sogar Mut. Selber wird mir mehr und mehr klar, dass sich diese Entscheidung gut anfühlt. Mit Sonja3 ein langes Gespräch, wieder stoße ich auf Verständnis und Offenheit. Irgendwie bin ich ganz baff. Und glücklich.

Wir bleiben bis halb vier wach. Ich werde nicht unruhig, im Gegenteil, ich kann es genießen. Ich zücke sogar meine Spätmahlzeit vor den anderen, mein ABC4 dazu im Kopf. Wie reagieren sie? Nichts. Kein Wort, es fällt nicht mal auf. Und ich bin froh, es gemacht zu haben.

Am nächsten Morgen heißt es ausschlafen. Schlafen bis halb zwölf. Denn wir haben nichts vor. Draußen ist es kalt und ungemütlich. Und ich muss nicht raus zum Joggen, keine Unruhe, die mich aus dem Bett treibt. Einfach nur einen richtig faulen Sonntag verbringen. Auf der Couch mit einem spannenden Film. Vor einem halben Jahr wäre das undenkbar gewesen.

Und der schönste Satz des Tages kam von meinem Freund: „Ich bin so stolz auf dich, Schatzi! Du hast Pizza mit mir gegessen, zweimal einen Lachflash bekommen und machst heute einen Couchtag mit mir. So kenn ich dich und so bist du wirklich.“

Das hört sich so gut an.

Das fühlt sich so gut an.

Und ich möchte es gerne behalten.



1 Name geändert

2 Name geändert

3 Name geändert

4 Eine Methode der Verhaltenstherapie, bei der es darum geht, hemmende und destruktive Gedanken- und Verhaltensmuster zu durchbrechen und durch hilfreiche, förderliche Denk- und Verhaltensweisen zu ersetzen.

Bildnachweis: istockphoto.com

Über die Autorin

Franziska, 25 Jahre