„Drei sind eine zu viel“ – so lautet der Titel einer bewegenden Reportage von Nele Sophie Karsten im SZ-Magazin vom 9. Oktober 2026. Im Mittelpunkt stehen die Freundinnen Lara und Ella, deren enge Freundschaft zunehmend von Laras Magersucht überschattet wird. Über Jahre versucht Ella, ihre Freundin zu unterstützen, erlebt dabei jedoch Angst, Hilflosigkeit und Überforderung. Schließlich entwickelt auch sie selbst eine Essstörung.
Die Reportage zeigt, wie Vergleiche eine Essstörung verstärken können. Gerade im Jugendalter können gemeinsame Diätversuche und Gespräche über Gewicht und Figur problematische Dynamiken entwickeln: Wer isst weniger? Wer ist disziplinierter? Nicht jeder Vergleich führt zu einer Erkrankung. Bei entsprechender Vulnerabilität kann jedoch ein Wettbewerb entstehen, in dem sich Betroffene gegenseitig in essgestörten Verhaltensweisen bestätigen. Freundschaften können dann mitunter durch Konkurrenz und Verunsicherung geprägt sein.
Die Geschichte zeigt Dynamiken, denen wir in unserer therapeutischen Arbeit am Therapie-Centrum für Essstörungen (TCE) immer wieder begegnen. Der Artikel hat mich dazu angeregt, über unsere therapeutischen Erfahrungen mit der Essstörung „als bester Freundin“, die Arbeit mit Angehörigen und über Freundschaften, die sich während der Zeit im TCE zwischen den Patient:innen entwickeln, zu reflektieren.
Die Essstörung kann über eine lange Zeit als vermeintlich „beste Freundin“ erlebt und erst im weiteren Verlauf der Erkrankung als schlimmste Feindin entlarvt werden. Denn eine zentrale Dynamik der Anorexie ist ihre Ambivalenz: Die Erkrankung vermittelt zunächst scheinbar Sicherheit, Kontrolle, Selbstbestimmung, gesteigertes Selbstwertgefühl und/oder Anerkennung und verursacht erst mit zunehmender Zeit großes Leid. Am TCE beschäftigen wir uns deshalb intensiv mit ihrer individuellen Funktion. Im sogenannten „Freund-und-Feind“-Brief schreiben Patientinnen zwei Briefe an ihre Essstörung: einen an die vermeintlich beste Freundin und einen an die schlimmste Feindin. Der erste macht sichtbar, was die Essstörung scheinbar bietet; der zweite zeigt hingegen die Schattenseiten der Erkrankung: Angst, Einsamkeit, körperliche Erschöpfung, Unfreiheit und verlorene Lebensfreude. Diese Intervention verdeutlicht, warum das Loslassen so schwerfällt, und zeigt andererseits den massiven Leidensdruck, der mit dieser „toxischen Freundschaft“ einhergeht.
Aus Sorge um die essgestörten Betroffenen übernehmen neben Eltern oftmals auch Freunde viel Verantwortung: Unter anderem kontrollieren, beruhigen, diskutieren sie oder vermeiden Konflikte. Unbeabsichtigt können sie so in Muster geraten, die die Erkrankung aufrechterhalten. In unserem ganztägigen Angehörigen-Workshop am TCE beziehen wir Patientinnen, Familien und gegebenenfalls enge Freunde ein. Unter anderem nutzen wir dabei die New-Maudsley-Methode mit ihren anschaulichen Tiermetaphern, um ungünstige Reaktionsweisen wie Kontrolle, Rückzug oder Selbstaufopferung bei den Angehörigen zu erkennen und stattdessen hilfreichere Strategien zu entwickeln.
Während der Behandlung entstehen am TCE oft wertvolle Freundschaften. Gemeinsames Verständnis kann entlasten; Patientinnen machen einander Mut und stärken ihre gesunden Anteile. Dies erweist sich immer wieder als sehr wirkungsvoll und unterstützend während der Genesung. Entstandene TCE-Freundschaften bestehen dabei oftmals auch über die Behandlungszeit hinaus. In einzelnen Fällen entsteht sogar der Wunsch nach einem gemeinsamen Wohnen nach der Entlassung. Dies erweist sich leider jedoch immer wieder als ungünstig: Genesungsverläufe sind unterschiedlich; Rückfälle einer Person können bei der anderen Person zu Belastungen, Überforderungen und Unsicherheiten führen. Deshalb empfehlen wir, ein unmittelbares Zusammenziehen nach der Behandlung sorgfältig abzuwägen. Freundschaft kann eine Ressource sein, sollte aber nicht die Verantwortung für die Stabilität der anderen tragen müssen.
Angeregt durch die Reportage „Drei sind eine zu viel“ von Nele Sophie Karsten, Süddeutsche Zeitung Magazin, Ausgabe 41 vom 9. Oktober 2026
Simone Schiele hat Psychologie in Bonn und Salzburg studiert und ist seit 2008 als approbierte psychologische Psychotherapeutin im TCE tätig. Als Bezugstherapeutin begleitet sie in Einzeltherapie ihre PatientInnen. Sie leitet derzeit die Fertigkeitengruppe und fördert dabei den Umgang mit Gefühlen, den Aufbau von sozialen Fertigkeiten, den Abbau von Anspannungszuständen und die Entwicklung von Achtsamkeit. Neben ihrer Teilzeittätigkeit im TCE leistet sie zuhause Familienarbeit. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich gerne mit ihrer Familie und ihren Freunden, sowie mit Yoga, Literatur, Filmen und Theater.