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TCE-Blog

15. Dezember 2021 · Erfahrungsbericht

Dienstag

Dienstag ist in der Geheimsprache der Psychotherapeuten am TCE der Tag des Einzels. Dazu muss man sagen: Wir haben ein prall gefülltes Programm über die Woche hinweg, die Patient:innen hoppen sozusagen von Gruppe zu Gruppe und dazwischen wollen wir als Einzeltherapeut:innen dann auch noch eine Audienz. Der Dienstag ist dafür besonders beliebt. Da steht ausschließlich Kunsttherapie auf dem Programm – und rund ums Malen, Zeichnen und Gestalten bleibt genügend Raum, um Einzeltherapie anzubieten. Ein Einzel dauert ungefähr eine Stunde – ich gestehe öffentlich ein, dafür bekannt zu sein, nicht sonderlich gut in Punktlandungen, was die Beendigung des Einzels anbelangt, zu sein – und findet einmal wöchentlich statt.

Einzel sind zu jedem Behandlungszeitpunkt etwas ganz Besonderes. Zumindest von meiner Seite aus.
Alles startet natürlich mit einem gegenseitigen Kennenlernen. Ich bin immer neugierig, wenn ich auf das erste Einzel mit einer neuen Patientin/einem neuen Patienten warte, von der/dem ich bisher nur Name, Alter und Diagnose kenne. Natürlich gibt es auch einen Bericht vom Erstgespräch, den ich vorab lese, aber am Ende ist es ja trotzdem so: Ein paar Daten, Fakten und geschriebene Worte machen noch keinen Menschen aus. Demnach ist es immer wieder spannend, wer wohl in der Tür erscheinen wird. Im Umkehrschluss kann ich mir nur ungefähr vorstellen und ausmalen, wie es wohl dem Gegenüber gehen mag. Manche bringen vielleicht schon etwas therapeutische Vorerfahrung mit und haben eine ungefähre Vorstellung von Therapie im Allgemeinen, Einzeltherapie im Speziellen und der Spezies der Therapeut:innen als solchen. Manche sitzen das erste Mal in ihrem oft noch jungen Leben einer Therapeutin/einem Therapeuten gegenüber. Ich stelle es mir in jedem Fall aufregend vor. Immerhin geht es darum, mit welchem Menschen man in den kommenden Wochen und Monaten viel Zeit verbringen, Geschichten, Gedanken und Gefühle teilen und jede Menge neue Erfahrungen sammeln wird. Therapeutische Beziehungen sind in meinen Augen etwas sehr Einzigartiges. Bestenfalls werden sie getragen von Vertrauen und ermöglichen so vergleichsweise schnell Nähe und Tiefe. Das ist auch für mich immer wieder etwas sehr Kostbares und Wundersames: Wenn sich Patient:innen in all ihrer Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit öffnen und zeigen und schließlich ein Miteinander auf dem Weg aus der Krankheit entsteht.

Aber von Anfang an: Das erste Einzel. Ich bin mir nicht sicher, was landläufig so über Therapeutinnen und Therapeuten gedacht wird und was Patient:innen erwarten, wenn sie auf meiner Türschwelle stehen. Ich kann jedenfalls weder mit Pullunder noch mit Hornbrille aufwarten. Dafür habe ich eine Couch im Büro stehen – allerdings darf darauf gesessen statt gelegen werden. Und wenn jemand den Sessel vorzieht, dann nehme ich auch gerne die Couch.

Ansonsten ist es so, dass es wirklich erstmal ums Ankommen geht. Selbstverständlich habe ich jede Menge Fragen, die mir unter den Nägeln brennen – gleichzeitig ist es so: Alle Fragen dieser Welt haben Zeit und können auch noch in ein paar Minuten, Tagen oder Wochen gestellt werden. Am wichtigsten ist mir, dass die Neuankömmlinge erstmal ein bisschen durchschnaufen, ein Stück Anspannung fallen lassen und hoffentlich die Erfahrung machen können, dass ich weder als Lehrer noch als Guru oder als Coach vor ihnen sitze.

In erster Linie möchte ich verstehen. Verstehen, wie es ist, das Leben meines Gegenübers zu leben. Mich einfühlen ins Erleben und Wahrnehmen. Möglichst nah am ganz persönlichen Empfinden meiner Patientinnen und Patienten dran sein – während ich selbst meinen sicheren Stand in meinem Erleben bewahre –, um von der gemeinsamen Perspektive aus zusammen neue Wege auszuprobieren. Und schon sind wir mitten drin in der Einzeltherapie. Wir sprechen über Familie und Freunde, über Essen und Nicht-Essen, über Schule, Arbeit und Hobbies, wir suchen gemeinsam nach den Minen, die den Weg in die Essstörung geebnet haben, wir lernen alte und neue Gedanken und Gefühle kennen und vor allem: Wir sind in einem ständigen Miteinander. Viele, wenn nicht gar alle Patient:innen, die den Weg ins TCE finden, berichten von sehr viel Einsamkeit, Alleinsein mit Symptomen und der inneren Not und kaum noch authentischen Beziehungen. Am TCE soll es darum gehen, aus der Heimlichkeit herauszukommen, da sein zu dürfen mit allem, was innen da ist, und im besten Fall wahrzunehmen, dass da ein Gegenüber ist, das zuhört und mitträgt.

Therapie und gerade die Einzeltherapie ist intensiv und harte Arbeit für die Patient:innen. Mal geht es aufwärts, mal wieder abwärts, mal gibt es vielleicht auch Missverständnisse, dann surft es sich wie selbstverständlich auf der gleichen Welle. All das gehört dazu und all das ist wichtig. Meine Patient:innen dürfen jederzeit selbst entscheiden, was sie gerade von mir halten wollen: Vielleicht spüren sie ab und an den gleichen Strang, an dem wir ziehen, vielleicht finden sie mich gelegentlich nervig und anstrengend, vielleicht sage ich mal die richtigen und mal die falschen Sachen, vielleicht fühlt es sich mal leicht und mal schwer an, vielleicht kommen sie mal gerne und mal eher mit Widerstand. Was auch immer da ist, soll bitte mitkommen ins Einzel.

Wenn die Patient:innen wahrnehmen, was so auftaucht – auch in der therapeutischen Beziehung –, sind sie auf jeden Fall wieder ins Spüren gekommen. Das heißt, sie sind ins Hier und Jetzt zurückgekehrt und zumindest schon mal ein Stück weit mitten in der Buntheit dessen, was das Leben so zu bieten hat, gelandet. Und das ist das, was für mich ganz weit oben auf der Liste meiner ToDo's für die Einzeltherapie steht ... bei sich ankommen und mit dieser sicheren Basis die Fühler wieder nach außen ausstrecken dürfen – und dann: mit Vollgas zurück ins Leben!

Bildnachweis: Adobe Stock

Über den Autor der TCE-Männer-Kolumne

Jan Winzinger ist Psychologe (M.Sc.), Systemischer Therapeut und Familientherapeut und seit Anfang 2019 im TCE.