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TCE-Blog

13. März 2019 · Erfahrungsbericht

Achtsames Selbstmitgefühl – eine Reise zu sich selbst

In meiner langjährigen psychotherapeutischen Arbeit am TCE bin ich immer wieder mit den ausgeprägten Selbstabwertungen unserer Patientinnen konfrontiert. Ich bin herausgefordert, diesen Aspekt gemeinsam mit den Betroffenen in den Griff zu bekommen, erachte ich ihn doch als Dreh- und Angelpunkt für eine langfristige Genesung von der Essstörung. Denn mit Hilfe der Symptome einer Anorexia nervosa, einer Bulimia nervosa oder einer Binge-Eating-Störung unternehmen die Betroffenen den verzweifelten Versuch, das eigene Selbstwertgefühl zu stärken, unangenehme Gefühle, wie z.B. Scham, in den Griff zu bekommen und sich selbst ein scheinbares Gefühl von Kontrolle und Sicherheit zu vermitteln.
Lange Zeit war ich auf der Suche nach einer geeigneten Methode, die unseren Patientinnen helfen konnte, ihre Gefühle von Unzulänglichkeit bis hin zu Selbsthass in den Griff zu bekommen. Die Stärkung des Selbstwertgefühls, ein verbesserter Umgang mit Emotionen, Interventionen zum Aufbau von Körperakzeptanz, um nur einige wenige Möglichkeiten zu nennen, gehen in eine gute, hilfreiche Richtung – doch letztendlich schien immer noch etwas Tiefgreifendes zu fehlen...
Aus beruflichen und persönlichen Gründen habe ich das Programm „Mindful Self-Compassion", das von Christopher Germer und Kristin Neff ins Leben gerufen wurde, und auf Prinzipien der buddhistischen Metta Lehre beruht, kennengelernt. Im Herbst 2018 habe ich schließlich auch das Mindful Self-Compassion Teacher Training absolviert. Am eigenen Leib, mit eigener Seele, darf ich die friedvolle Wirkung dieses Ansatzes immer wieder erleben – aber auch die Herausforderungen, die dieser Weg mit sich bringt. Ich bin mit einem Rucksack voll inspirierender Ansätze in meine Arbeit am TCE zurückkehrt und lasse nun mein erworbenes Wissen durch Übungen, angeleiteten Meditationen und eine grundsätzliche selbstmitfühlende Haltung in meine Arbeit einfließen. Die Patientinnen zeigen sich sowohl neugierig, offen, zugewandt, als auch ängstlich, skeptisch, widerständig. Letztendlich scheint es, als wüssten sie genau um die Notwendigkeit von Selbstmitgefühl – bei allem Respekt, die eine solche Reise in ihr Innerstes in sich birgt, stellt doch dies ein Betreten von neuem, unbekanntem Terrain für sie dar.
Selbstmitgefühl bedeutet dabei zunächst einmal, sich selbst achtsam wahrzunehmen und dann anzuerkennen, dass Leid, Schmerz, ein schwieriges Gefühl vorhanden sind. Die gegenwärtige Situation wird dabei weder beschönigt, noch überdramatisiert, sondern bestmöglich angenommen.
Gleichzeitig ermöglicht Selbstmitgefühl, sich als Leidende gegenüber anderen Menschen zu öffnen, anstatt sich aufgrund von Scham zu verschließen und zurückzuziehen. Es erfolgt eine Erkenntnis: „Ich bin nicht alleine mit meinem Leid. Anderen kann es auch so ergehen. Dies gehört zum gemeinsamen Menschsein dazu." Mut entsteht, sich anderen so zu zeigen, wie man gerade ist, mit allen Fehlern und Schwächen, die uns Menschen immer wieder ausmachen.
Schließlich kommt es zu einer freundlichen Begegnung mit sich selbst. Eine positive innere Sprache des Zuspruchs, der Ermutigung, des Trost, des Verständnisses wird kultiviert. Ein selbstfürsorglicher Umgang mit sich selbst wird aufgebaut. All dies Stück für Stück – mit Rückschlägen, Widerständen, Ängsten – welche möglichst auch mit Selbstmitgefühl und Geduld gemeinsam aufgefangen werden.
Denn wenn wir uns selbst mit Selbstmitgefühl begegnen, haben wir die Möglichkeit unser Herz mutig zu öffnen und Frieden mit uns selbst schließen zu können.
Ich freue mich sehr über diese gemeinsame Reise mit den Patientinnen des TCE.

Über die Autorin

Simone Schiele hat Psychologie in Bonn und Salzburg studiert und ist seit 2008 als approbierte psychologische Psychotherapeutin im TCE tätig. Als Bezugstherapeutin begleitet sie in Einzeltherapie ihre PatientInnen. Sie leitet derzeit die Fertigkeitengruppe und fördert dabei den Umgang mit Gefühlen, den  Aufbau von sozialen Fertigkeiten, den Abbau von Anspannungszuständen und die Entwicklung von Achtsamkeit. Neben ihrer Teilzeittätigkeit im TCE leistet sie zuhause Familienarbeit. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich gerne mit ihrer Familie und ihren Freunden, sowie mit Yoga, Literatur, Filmen und Theater.