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Für Dein Leben ohne Essstörung.

TCE-Blog

18. Juli 2018 · Lesetipp

Wie schon die alten Griechen wussten...

  • „Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge."

  • „Einige Dinge liegen in unserer Macht, andere nicht. In unserer Macht liegen unser Urteil, unsere Anstrengungen, unser Verlangen und unsere Abneigung, mit einem Wort alles, was von uns ausgeht. Nicht in unserer Macht liegen unser Körper, unser Besitz, unser Ansehen, unser beruflicher Status, mit einem Wort alles, was nicht von uns ausgeht."

aus: Epiktet, Encheiridion (Handbüchlein der Moral)

Sich der eigenen Gedanken, Einstellungen und Erwartungen bewusst zu werden, ungünstige Denkmuster, die unseren Zielen und unserem Wohlbefinden im Wege stehen, aufzudecken, diese hilfreich zu verändern und dadurch belastende Emotionen abzumildern, ist das Ziel der modernen kognitiven Verhaltenstherapie.
Diese bezieht einen großen Teil ihrer Inspiration aus der antiken Philosophie der Stoa. Da wir auch am TCE viel mit kognitiver Verhaltenstherapie arbeiten, horchte ich auf, als ich vor einiger Zeit in einem Artikel der Süddeutschen las, dass die Stoa wieder im Kommen sei und es mittlerweile auch Online-Kurse zu diesem Thema gebe. An zwei solchen Online-Kursen habe ich im letzten Jahr teilgenommen und im Zuge dessen auch zwei der wenigen erhaltenen Standardwerke der Stoa gelesen: Epiktets „Handbüchlein der Moral" (oder „Das Buch vom geglückten Leben") und Marc Aurels „Selbstbetrachtungen".

Beim Lesen war ich verblüfft, wie viele lebenspraktische Ideen und Hinweise in diesen alten Texten verborgen sind. Natürlich muss man die Bücher im Lichte ihrer Zeit lesen. Über den angemessenen Umgang mit Orakelsprüchen können wir heute nur lächeln, der römische Ehrbegriff prägt viele Kapitel, und die Texte richten sich eindeutig an männliche Leser – für die frauenbewegte Leserschaft gibt es die ein oder andere Kröte zu schlucken. Und dennoch habe ich aus der Lektüre viele inspirierende Gedanken mitgenommen. Marc Aurel beispielsweise setzt sich sehr ausführlich mit der Frage auseinander, wie es gelingen kann, die eigenen Ängste und den eigenen Jähzorn zu bezähmen, mit Schmerzen umzugehen oder sich mit der eigenen Vergänglichkeit zu versöhnen. Epiktet wiederum erläutert sehr detailliert, wie wichtig es ist, seine Energie nicht an jene Aspekte des Lebens zu verschwenden, die wir gar nicht kontrollieren können, sondern uns stattdessen auf das zu konzentrieren, was wirklich in unserer Hand liegt, nämlich unser eigenes Denken und Handeln. In einer Zeit, die sich geradezu an Äußerlichkeiten verschwendet, sind dies wertvolle Gedankenimpulse.

Wem die Originaltexte doch zu gespreizt und mühsam daherkommen, dem sei ein – leider bislang nur in englischer Sprache erhältliches – Buch von Donald Robertson ans Herz gelegt: „Stoicism and the Art of Happiness". Donald Robertson ist ein Psychotherapeut, der sich auf die Erforschung und Anwendung der stoischen Lehren in der modernen kognitiven Verhaltenstherapie spezialisiert hat. Bei ihm habe ich auch die oben erwähnten Online-Kurse belegt. (Das „Stoic Mindfulness and Resilience Training", kurz SMRT, war sogar kostenlos!)
Robertson bringt seinen LeserInnen und KursteilnehmerInnen die antike Philosophie auf anschauliche Weise nahe und ergänzt sie durch viele praktische Übungen, deren Wirksamkeit ich aus fachlicher Sicht nur bestätigen kann. Von daher sind seine Bücher als Einstieg für all diejenigen, die Lust bekommen haben, doch mal in die stoische Philosophie hineinzuschnuppern, sehr zu empfehlen.
Sie verströmen auch weniger Ernst und Strenge als die alten Originalwerke, die mir an manchen Stellen, vor allem bei Marc Aurel, doch zu viele Selbstvorwürfe enthielten. Das ist tatsächlich etwas, das ich an der Stoa vermisse: Ihr fehlt es an Leichtigkeit und Humor. Epiktets Empfehlung, „Lache nicht viel, nicht über vieles und nicht hemmungslos!" möchte ich jedenfalls nicht folgen.
In diesem Sinne: Einen heiteren Sommer mit viel hemmungslosem Gelächter wünsche ich Euch!

Bildnachweis: ClipDealer

Über die Autorin

Dr. Karin Lachenmeir ist Psychologische Psychotherapeutin und seit 2002 im TCE tätig, seit 2008 als Leiterin der Einrichtung. Sie ist approbierte Verhaltenstherapeutin und hat Weiterbildungen in Körpertherapie und Systemischer Beratung absolviert. Seit rund fünf Jahren ist sie zudem als Dozentin und Supervisorin für verschiedene Münchner Weiterbildungsinstitute tätig. Am TCE hat sie die Verantwortung für alle personellen, organisatorischen und fachlichen Fragen. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten lesend oder schreibend, auf ausgedehnten Spaziergängen, im Kino, im Theater oder auf Reisen.