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TCE-Blog

31. Mai 2017 · Kulturtipps

Buch-Tipp

Taiye Selasi - Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Kweku Sai stirbt. Er stirbt an einem Herzinfarkt, dreizehn Kapitel lang. Aber er merkt es nicht. Er merkt es nicht, weil die Schönheit des Augenblicks und die Erinnerungen seines Lebens ihn in der Stunde seines Todes so gefangen nehmen. Erinnerungen an Fola, seine erste Frau, und an seine vier Kinder, Olu, den Ältesten, die Zwillinge Taiwo und Kehinde und an Sadie, die Jüngste. Sie alle trifft sein Tod überraschend. Er wird für sie Anlass, sich auf Spurensuche zu begeben. Oft nach Jahren begegnen sie einander wieder. Jeder von ihnen hat das Trauma der Familie, das plötzliche Verschwinden des Vaters, auf seine Weise verarbeitet. Sie alle haben Verletzungen davongetragen, vieles blieb über all die Jahre unklar und rätselhaft. Aber nun, im Wiedersehen nach dem Tod des Vaters, finden sie Antworten auf ihre Fragen und beginnen zu verstehen, dass die Dinge nicht ohne Grund geschehen.
Taiye Selasi, deren Eltern aus Ghana und Nigeria stammen und die selbst in London geboren wurde, erzählt in ihrem Roman die Geschichte einer Familie mit afrikanischen Wurzeln. Mit einer wunderbaren Sprache, treffsicher, prägnant und poetisch, und einem Klarblick, der seinesgleichen sucht, beschreibt sie die Entwicklung ihrer Protagonisten und versteht es, die Komplexität eines vielschichtigen Familiensystems darzustellen, ohne irgendjemandem die Schuld zuzuschieben. Jeder handelt so gut er es vermag und keiner kann aus seiner Haut. Indem sich die Beteiligten jedoch ihren Herausforderungen stellen und einander in Ehrlichkeit und Verbundenheit zuwenden, können die alten Wunden heilen.
Dass Sadie, die jüngste Tochter von Fola und Kweku, an einer Bulimie leidet, sei an dieser Stelle kurz erwähnt. Es spielt im Roman jedoch keine größere Rolle, ist Teil eines größeren Ganzen genauso wie der Ehrgeiz Olus, die zerrissene Künstlerseele Kehindes oder die Männergeschichten Taiwos. Und doch gibt es am Ende des Buches eine Szene, die ich gerade für Sadie, die so an ihrem Körper und ihren Minderwertigkeitsgefühlen leidet, außerordentlich schön fand. (Die Einzelheiten mag ich nicht erzählen, um die Überraschung nicht zu verderben.
Ein wunderbares Buch, das ich nur wärmstens empfehlen kann.

 

Der Familienroman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" ist als Taschenbuch im Fischer-Verlag erschienen. Taiye Selasi ist in London geboren und wuchs in Massachusetts auf.

Bildnachweis: ClipDealer

 

Über die Autorin

Dr. Karin Lachenmeir ist Psychologische Psychotherapeutin und seit 2002 im TCE tätig, seit 2008 als Leiterin der Einrichtung. Sie ist approbierte Verhaltenstherapeutin und hat Weiterbildungen in Körpertherapie und Systemischer Beratung absolviert. Seit rund fünf Jahren ist sie zudem als Dozentin und Supervisorin für verschiedene Münchner Weiterbildungsinstitute tätig. Am TCE hat sie die Verantwortung für alle personellen, organisatorischen und fachlichen Fragen. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten lesend oder schreibend, auf ausgedehnten Spaziergängen, im Kino, im Theater oder auf Reisen.